WWDC: Warum ein Feature-Sabattical bei Apple überfällig ist

Zweifelt jemand daran, dass Apple im Rahmen der diesjährigen WWDC neue Versionen von OS X und iOS vorstellt? Wohl kaum. Doch welche Feature-Sau treibt Apple heuer durchs Dorf? Ich persönlich hoffe: keine!

Herbst 2015. Apple hat soeben das auf der WWDC im Juni angekündigte OS X 10.11, Codename „Big Sur“, veröffentlicht. Wie schon die Betaphase gezeigt hat, gibt es gerade auf älteren Macs Probleme mit der Stabilität von Wifi-Verbindungen. Experten vermuten dahinter einen Fehler bei der Integration des wichtigsten neuen Features von Big Sur, nämlich Apples Sprachassistenten Siri. Zudem sorgt ein Bluetooth-Bug in der ersten öffentlichen Version von iOS 9 zu einem Totalausfall von Handoff und Continuity. Für Apples Software-Teams ein PR-Desaster, für die User mehr als ärgerlich. Schon bei der Einführung von OS X Yosemite und iOS 8 im Vorjahr hatte es immer wieder Schwierigkeiten mit der Wifi-Konnektivität und den smarten Übergabe-Funktionen zwischen Apples mobilem- und stationärem Betriebssystem gegeben.

So oder so ähnlich könnten sich die Meldungen rund um den Launch von OS X 10.11 und iOS 9 lesen. Schwarzgemalt? Übertrieben? Vielleicht. Doch ist eine Tendenz – zumindest gefühlt – nicht von der Hand zu weisen: Seit Apple mit OS X Mountain Lion dazu übergegangen ist, jedes Jahr neue Versionen von OS X zu veröffentlichen, hat die Stabilität ab- und die Zahl der kleinen und nervigen Zipperlein zugenommen. Ähnliches gilt auch für Apples Mobiles Betriebssystem iOS. Es bekam mit den Versionen 7 und 8 eine große Zahl an neuen Features verpasst, viele Entwicklungsstunden flossen in Projekte wie Health. Was aber auf der Strecke blieb: Stabilität und Zuverlässigkeit.

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Versteht mich nicht falsch: Ich mag die Optik von Yosemite und iOS 8 und ich mag auch die neu hinzugekommenen Kommunikationsfeatures, dank der bei Anrufen oder der Übergabe von Dokumenten fast schon so etwas wie Magie aufkommt. Nur leider funktioniert diese Magie zu selten einwandfrei, zu häufig hakt es. Viele Nutzer von OS X haben seit der Einführung von OS X 10.9 Mavericks massive Probleme mit der Stabilität von Wifi-Verbindungen. Probleme, die mittlerweile ellenlange Threads in Apples Support-Foren füllen und die bislang kein Update vollständig bereinigen konnte. Mit OS X 10.10.4 und der Entfernung des Systemdienstes Discoveryd sollen die Probleme dann etwa ein Jahr nach der Vorstellung von Yosemite abschließend addressiert werden.

Neben diesen Dauerproblemen kann ich mit Blick auf mein Macbook Pro Retina 15-Zoll oder mein iPhone 6 Plus (natürlich völlig subjektiv) sagen, dass die Geräte seit dem Upgrade auf OS X Yosemite und iOS 8 deutlich häufiger hängen bleibt oder ganz einfriert – nur Neustarts können hier noch helfen. Doch was tun? Die immer wieder auftauchende Argumentation, dass es so unzuverlässige Betriebssysteme unter der Regie von Steve Jobs nicht gegeben hätte, ist jedenfalls wenig hilfreich. Auch in der Jobs-Ära gab es reichlich Gründe für Apples Kunden, unzufrieden zu sein (man denke nur an #Antennagate).

Sabbatjahr an der Feature-Front

Was Apple aus meiner Sicht auf der ganzen Breite seiner Software-Palette – also OS X, iOS und WatchOS – benötigt, ist ein ausgedehntes Feature-Sabbatical, also mal ein Jahr ohne die großen, neuen Funktionen. Während man WatchOS als jüngstem Neuzugang noch seine Zipperlein verzeihen mag (Apple wird wohl im Rahmen der WWDC ein neues WatchKit-SDK verfügbar machen, dass Entwickler auch native Watch-Apps programmieren lässt), könnten iOS und vor allem OS X eine tiefgreifende Code-Pflege hervorragend vertragen. Snow Leopard auf allen Kanälen also.

Ein Blick in die Gerüchte der vergangenen Tage lässt jedenfalls die Vermutung zu, dass Apple in diese Richtung spazieren wird. Mark Gurman vom US-Blog 9to5Mac vermutet beispielsweise, dass neben dem vielzitierten Musik-Streaming-Dienst aus dem Beats-Bestand vor allem neue, auf Stabilität, Performance und Sicherheit getrimmte neue Generationen von OS X und iOS in den Startlöchern stehen.

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Im Vordergrund steht bei OS X dem Bericht nach lediglich ein wenig kosmetisches Feintuning in Form eines neuen Systemfonts (Apples San Francisco) und einer angepassten Mitteilungszentrale. Daneben soll mit dem neuen Sicherheitssystem „Rootless“ schon auf Kernel-Ebene für eine erhöhte Sicherheit des Systems gesorgt werden:

„Sources within Apple are particularly enthusiastic about a new security system called Rootless, which is being described internally as a “huge,” kernel-level feature for both OS X and iOS. To prevent malware, increase the safety of extensions, and preserve the security of sensitive data, Rootless will prevent even administrative-level users from being able to access certain protected files on Apple devices. Sources say that Rootless will be a heavy blow to the jailbreak community on iOS, though it can supposedly be disabled on OS X. Even with this Rootless feature coming to OS X, sources say that the standard Finder-based file system is not going away this year.“ Eine tiefere, native Einbindung von iCloud Drive soll zudem eine weitere Usability-Lücke füllen.

Ob Apple mit diesem, mehr auf Wartung ausgerichteten Kurs den gewünschten – und von vielen Kunden herbeigesehnten – Rücksturz zur Stabilität und Performance hinbekommt, wird die Betaphase von OS X 10.11 und iOS 9 zeigen. Ich jedenfalls hoffe darauf, dass meine iDevices künftig weniger häufig hart zurückgesetzt werden müssen. Und jetzt schaue ich den Lifestream der WWDC-Keynote und genieße den Ticker der Kollegen von der Macwelt!

Kategorien Beitrag Meinung

Nach einem Studium der Geschichtswissenschaften in München landete er zunächst bei der Gamepro, dann als Volontär bei der Macwelt. Inzwischen betreut er auf inhaltlicher Seite die Veranstaltungen der Computerwoche und sorgt dafür, dass die zugehörigen Websites laufen. Privat bloggt er auf Adams Apfel, sportlich gehört sein Herz nur dem FC Bayern.