WWDC: Vier Systeme für ein Hallelujah?

Die Eröffnungskeynote zu Apples jährlicher Entwicklerkonferenz WWDC war streng softwarefokussiert. Mit neuen Versionen von watchOS, tvOS, macOS und iOS gab es einige Neuerungen und viele Detailverbesserungen für Apples Software. Neue Macs gab es keine.

Sie war ein Fest für Kritiker: Apple hat sein Mojo verloren, Apple innoviert nicht mehr richtig, Apple spielt safe. So oder so ähnlich klang am Morgen danach der Überblick über die Berichterstattung zur WWDC-Keynote in vielen Tech-Medien, z.B. bei Mobilegeeks. Und tatsächlich: Apple zeigte in seiner knapp zweistündigen Show, was für den Konzern auf seiner hauseigenen Entwicklerkonferenz primär wichtig ist – Software. Nach einer Schweigeminute für die Opfer des Massakers in Orlando begann Apples CEO Tim Cook damit, die vier Säulen von Apple Software-Entwicklung nacheinander durchzugehen. Den Anfang machte watchOS, dann folgten die Demos für die nächsten Betriebssystem-Generationen von AppleTV, Mac und iPhone/ iPad.

watchOS 3: Mehr Sinn für die Apple Watch

Seien wir ehrlich: Apples Smartwatch hat ein großes Problem. Dabei geht es weniger darum, dass die Hardware fehlerhaft sein könnte oder die unzähligen Watchfaces ist nicht hübsch genug sind. Vielmehr scheinen viele User an Sinn und Mehrwert der Apple Watch zu zweifeln. Zwar — und das wird Tim Cook nicht müde zu betonen — ist die Apple Watch die mit großem Abstand meistverkaufte Smartwatch auf den Markt, entwickelt aber scheinbar nicht die von Apple erwartetet Sogwirkung. Bedenkt man diesen Umstand, erscheinen die angekündigten Neuerungen für watchOS nicht nur sinnvoll, sondern auch dringend notwendig.

Kevin Lynch zeigte im Rahmen einer Live Demo beispielsweise, dass watchOS sich in Sachen Funktionen und Benutzerführung näher an iOS annähert. Eine dieser neuen Funktionen ist das Kontrollzentrum, welches wir bereits aus iOS kennen. Per Swipe-Geste wird das kompakte Einstellungsmenü hochgezogen. Neu ist auch das Dock für die Watch, das über die Home-Taste aufgerufen werden soll und das Wechseln zwischen den einzelnen, nun deutlich schnelleren Apps deutlich erleichtern. Neben diesen grundlegenden Interface-Entscheidungen hat Apple auch ein Einsehen mit denjenigen Watch-Besitzern, die keine Lust darauf haben mit ihrer Uhr für jede kurze Message zu sprechen.

Für Abhilfe sorgt hier nämlich eine neue Handschriftenerkennung, die live auf dem Display gezeichnete Buchstaben in Text konvertiert. Die vielleicht wertvollste Neuerung ist die SOS-Funktion, durch die ein längerer Druck auf die Home-Taste einen Notruf und Benachrichtigungen an die eigenen Notfallkontakte (inklusive Standortangabe) absenden kann. Daneben hat Apple noch diverse neue Fitness-Funktionen (inklusive Atemübungen) sowie eine deutlich verbesserte Inklusion von Rollstuhlfahrern eingezogen. Hier wird künftig nicht mehr zum Aufstehen und rumlaufen aufgefordert, sondern zum Losrollen. Das Streetdate für watchOS 3 ist für Herbst angekündigt, registrierte Entwickler kommen ab sofort an die erste Beta.

tvOS: Black Beauty mit Single-Sign-On

Weiter im Text ging es mit tvOS, das ein wenig stiefmütterlich präsentiert wirkte. Um es kurz zu machen: Apple kündigte in Person von Eddie Cue – an jenem Abend leider ohne flippiges Hawaihemd unterwegs – einen neue, aufgebohrte Remote-App für iPhone und iPad an, die einen ähnlichen Bedienkomfort wie die mitgelieferte Siri Remote bieten soll. Stichwort Siri: Hier will Apple bei der Suchfunktion des AppleTV massiv nachbessern. Hinzu kommt ein Dark Mode für tvOS, der gerade die Nutzung in abgedunkelten Räumen (hier wird das unwahrscheinliche Szenario eines Users, der am Abend auf dem Sofa sitzt und netflixt, adressiert) optimieren soll. Der Single-Sign-On, den Apple mit der neuen Version von tvOS ausrollen wird, soll zudem die Nutzung der diversen amerikanischen Pay-TV-Angebote erleichtern. Für Europa dürfte der Nutzen dieser Funktion sich also Grenzen halten. Wie für watchOS gilt auch hier: Entwickler bekommen die Beta sofort, der Public Rollout ist für den Herbst vorgesehen.

macOS: Mit „Hairforce One“ in die Sierra Nevada

Nach 15 Jahren gibt es die Rolle rückwärts: Was einst von MacOS nach OS X umgetauft wurde (auch um den nicht unwesentlichen NeXT-Teil von OS X zu würdigen), kehrt nun mit einer Versalie weniger als macOS wieder zurück. Logisch, konsequent und bereits im Vorfeld der WWDC durch diverse kleine Erwähnungen in Entwicklerdokumentationen durchgesickert. Ebenfalls vorher geleaked ist die Integration von Siri in macOS. Jetzt bekommt also Sierra, das ähnlich wie sein Vorgänger El Capitan eher als evolutionärer Schritt zu sehen ist, eine Sprachassistenz spendiert und sagt das Wetter oder den nächsten Termin an. Hinzu kommt auch eine tiefe Spotlight-Integration, die uns Usern sehr beim Auffinden und Organisieren unserer Daten helfen will.

Im Zusammenspiel mit macOS gibt es für die Apple Watch nun endlich einen richtig guten und praktischen Usecase: Sierra wird es dank des neuen „Auto Unlock“-Features ermöglichen, Macs durch eine nahe Watch zu entsperren. Lästige Passwort-Abfragen nach dem Aufwachen des Mac gehören dann der Vergangenheit an. Ebenfalls passé dürfte ein Workflow sein, den wohl jeder Nutzer schon mal exakt so umgesetzt hat: sich selbst einen Link oder Text vom Smartphone auf den Desktop zu schicken oder in eine synchronisierte Notiz zu kopieren. Craig Federighi, Apples VP für Software Engeneering, zeigte, wie die Zwischenablage in Sierra künftig automatisch via iCloud mit anderen Macs und iDevices mit iOS 10 abgeglichen wird. Ähnlich intensiv wird die Nutzung von iCloud auch mit Blick auf das eigentliche Dateisystem und den belegten Systemspeicher. Zunächst will Apple in Sierra Desktop und Dokumente-Ordner via iCloud synchronisieren – so soll auf allen iCloud-Geräten der selbe konsistente Datenbestand vorherrschen. Die Funktion „Optimized Storage“ lagert zudem selten benutze Daten ebenfalls in iCLoud aus und hilft dabei, Platz auf den internen HDDs zu sparen. Benötigt man die Dateien, stehen sie on demand zur Verfügung. Ob man allerdings dem iCloud-Algorithmus seine Daten zur automatisierten Verarbeitung anvertrauen will, darf nach den Datenbankproblemen bei Start der Fotos-App oder der iCloud-Musikmediathek bezweifeln.

Auch neu: Tabs werden zum Systemdienst. Sprich: Statt wie bisher nur innerhalb einer App Tabs von Entwicklerseite anzubieten, können mit macOS 10.12 Sierra qua System automatisch Tab-Ansichten unterstützen. ApplePay schafft mit Sierra ebenfalls den Sprung auf den Mac – als Online-Bezahlplattform, die via iPhone authentifiziert wird. Das einzige Manko: Der deutsche Markt scheint nach wie vor so derart schwierig zu sein, dass Apple den kontinentaleuropäischen Start von ApplePay zunächst in Frankreich und der Schweiz durchführen wird. Wann sich die deutsche Finanzbranche bewegt, ist derzeit nicht wirklich seriös abschätzbar.

Wie immer gilt: Entwickler bekommen sofort Zugriff auf die Beta-Version von Sierra, der öffentliche Beta-Test folgt dann ab Juli. Der finale Release ist ebenfalls wie immer auf den Herbst des Jahres festgelegt.

iOS 10: Apples mobile-Betriebssystem kommt in der Millenial-Edition

Die wichtigste Nachricht zuerst (auch wenn sie während der Keynote kein Thema war): Der Systemapp-Müllordner hat ausgedient! iOS 10 wird es nämlich möglich machen, beinahe alle Systemapps vom Adressbuch bis zur Wetter-App vom Device zu löschen. Parallel werden die Systemapps in den App Store geschaufelt, um bei Bedarf nachgeladen zu werden.
Darüber hinaus hat Apple natürlich eine weitere neue Features für die „Mutter aller Releases“ in petto.

Da wären zuerst deutlich aufgebohrte und mit neuen 3D-Touch-Funktionen aufgemotzte Benachrichtigungen, die nun deutlich angenehmere Inline-Interaktionen möglich machen werden. Ebenfalls von Apple optimiert: das Kontrollzentrum, welches ein etwas aufgeräumtere Anordnung der Schaltflächen sowie einen per Wischgeste erreichbaren eigenen Bereich für die Steuerung von Apple Music spendiert bekommt.

Siri, Apples Sprachassistentin und neuerdings auch „Bewohner“ von macOS, bekommt ebenfalls zusätzliche Aufmerksamkeit – vor allem durch Drittentwickler. Denn: Apple öffnet auch Siri per API für seine Entwickler-Community und macht es damit möglich, dass auch nicht-Apple-Apps wie WhatsApp oder Uber via Siri angesteuert werden können. Ebenfalls ein Siri-basiertes Feature ist die aufgebohrte neue Version von QuickType. Apple setzt für die Schreibhilfe, die mit Wortvorschlägen das tippen von Nachrichten und Mails vereinfachen soll, künftig auf die Intelligence von Siri. Das heißt, dass mit iOS 10 die Vorschläge durch Deep Learning deutlich treffender und damit hilfreicher werden sollen. So könnte beispielsweise auf die einfache Frage „Wo bist du gerade?“ mit dem Versenden des aktuellen Standorts geantwortet werden.

Und auch Fotos soll von den neuen Deep-Learning-Fähigkeiten von iOS 10 profitieren, indem beispielsweise verbesserte Gesichtserkennung oder die Erkennung von Objekten und Szenen in die Foto-App Einzug halten. Apple betont dabei, dass sämtliche Erkennungsvorgänge ausschließlich auf dem jeweiligen Device stattfinden. Karten dagegen erfährt einen grundlegenden Neuanstrich mit Fokus auf POIs und eine verbesserte Einbindung von Verkehrsdaten – das Stichwort dabei heißt Proaktivität.

Das nächste Feature auf der Agenda war Apple Music – eine der vielleicht größten Baustellen Apples. Freilich bezieht sich das primär auf den holprigen Start des Angebots, die noch immer sporadisch auftretenden Performance- und Syncprobleme sowie die noch immer an vielen Stellen unlogische bzw. inkonsistente Nutzerführung. Denn rein vom Zahlenwerk her fährt Apple mit seinem Musikstraming-Dienst ausgesprochen erfolgreich: Schon 15 Millionen Kunden bezahlen monatlich für das Angebot. Mit Blick auf die genannten Rough Edges des Angebots liegt auch auf Apple Music und der zugehörigen iOS-App ein wesentlicher Fokus. Dabei verpasst Apple seiner Musik-App nicht nur ein neues Design mit einer extra fetten Version des Systemfonts San Francisco, sondern verspricht auch auch eine klarere Menüführung. Neu kommen zum Beispiel in der Bibliothek Ansichten für „kürzlich hinzugefügte“ Musik und im Systemspeicher des iPhones abgelegte Stücke – wie ich finde logische Anpassungen, die eigentlich bereits von Beginn an hätten an Bord sein sollten. Dann war da noch das bei der Premiere von Apple Music als wichtiger Bestandteil des Service angekündigte Connect-Feature (eine Art proprietäres Künstler-Instagram, das nur innerhalb des Apple-Music-Kosmos lief): Dieses Feature wurde nicht weiter thematisiert, sondern kommod in einem Untermenü des Tabs „Für dich“ versenkt, was einem „Todesurteil“ gleichkommen dürfte. Neben einer neuen Songtext-Integration behält Apple Music natürlich weiter seine gewohnten Radio-Features inklusive Beats1.

War sonst noch was? Ach ja: News. Apples zentrale Anlaufstelle für Nachrichten, RSS-Feeds und Magazine erhält nach dem Vorbild von Apple Music ein Redesign und beinhaltet auch Abo-Funktionen, wie sie der niederländische Dienst Blendle bereits seit einiger Zeit auch in Deutschland anbietet. Daneben zeigte Apple auch noch kurz, in welche Richtung man sich in Sachen Heimautomation bewegen will. Dazu wird Apple als Ergänzung zum SDK HomeKit auch eine App namens Home in den App Store bringen, die als zentrale Steuerung für alle angebundenen Smart Devices im Haus dienen soll. Schließlich gab es auch noch eine kleine, aber feine Ergänzung für die Telefon-App (ja, es gibt Menschen, die noch mit dem iPhone telefonieren). Zum einen werden in iOS 10 Voicemails vom System in Text transkribiert, zum anderen wird ein Telefon-Spam-Filter integriert, der Nutzer bei eingehenden Spam-Anrufen warnen kann. Und: Auch hier öffnet Apple seine App und macht sie per API zur Plattform. So können zum Beispiel Skype-Calls oder WhatsApp-Videocalls über die Telefon-App als normale Telefonate angezeigt und behandelt werden, was wiederum für ein nahtloseres Nutzererlebnis sorgt.

Der letzte große Punkt des iOS-Blocks gehörte dann der Nachrichten-App, die laut Craig Federighi die mit Abstand meistbenutzte iPhone-App ist. Hier setzt Apple einen massiven Punkt bei den Millenials und der Generation Snapchat. Denn: Emojis werden nun drei Mal größer angezeigt und lassen sich sogar durch automatisch erkannte Textersetzungen live im Nachrichten-Text austauschen. Zudem integriert Apple allerlei weitere nett anzusehende grafische Spielereien von versteckter Tinte über handschriftliche Nachrichten bis hin zu bildschirmfüllendem Feuerwerk. Der Fokus auf diesem Thema war ehrlich gesagt etwas befremdlich, dafür aber nett anzusehen. Und: Er orientiert sich am offenkundigen Interesse der Nutzer.

Mit Blick auf die starke Betonung der Deep-Learning-Funktionen und den stetig wachsenden Grad der Vernetzung und Interoperabilität der iOS-Apps schob Federighi am Ende des iOS-Blocks noch ein Privacy-Statement hinterher: Apple schützt jedwede Kommunikation seiner Apps mit End-to-End-Verschlüsselung und versichert, dass all die intelligenten Vorgänge z.B: in Fotos ausschließlich auf dem Gerät stattfinden.

Hardware? Fehlanzeige

Nicht wenige Beobachter hatten erwartet, dass Apple die große Bühne in San Francisco auch für einige größere und kleinere Hardware-Upgrades, speziell für das mittlerweile in weiten Teilen etwas betagte Mac-Lineup, nutzen würde. Doch schon beim Blick auf die Uhr – Cook und Co brauchten mal eben zwei Stunden – war klar, dass es für Apple auf der WWDC nur um Software gehen würde. Auf ein modernisiertes MacBook Pro oder neue iMacs (vom Thunderbolt Display fange ich gar nicht erst an) werden wir uns also noch weiter gedulden müssen. Dafür hatte Apple allerdings für all diejenigen, die unkompliziert das Coden lernen wollen, eine neue Lern-App für die Programmiersprache Swift entwickelt. Swift Playground soll ebenfalls im Herbst starten und kostenlos verteilt werden. Thumbs up!

Die komplette Keynote im re-Live gibt es hier:

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Nach einem Studium der Geschichtswissenschaften in München landete er zunächst bei der Gamepro, dann als Volontär bei der Macwelt. Inzwischen betreut er auf inhaltlicher Seite die Veranstaltungen der Computerwoche und sorgt dafür, dass die zugehörigen Websites laufen. Privat bloggt er auf Adams Apfel, sportlich gehört sein Herz nur dem FC Bayern.