Tim Cook war bestens gelaunt. (Bildrechte: Apple)

Das Wichtigste aus der WWDC-Keynote zusammengefasst

Über zweieinviertel Stunden bespielten Tim Cook und seine Kollegen aus der Apple-Führungsriege die große WWDC-Bühne. Herausgekommen ist ein ziemlich bunter Abend, den ich hier geschwind einordne.

Apples Entwicklerkonferenz WWDC ist jedes Jahr aufs Neue der persönlichste Kontaktpunkt des Tech-Riesen mit seinem Entwickler-Ecosystem. Heuer konzentrierte sich Apple in der längsten WWDC-Keynote seit Jahren erstaunlich offensiv auf Hardware, dem routinierten Housekeeping bei seinen Betriebssystemen stehen aber auch eine Vielzahl wirklich spannender Neuerungen – vor allem in iOS 11 – gegenüber. Auffing und ausgesprochen löblich ist zudem, dass sich Apple zu Beginn nicht mit dem aus den vergangenen Jahren gewohnten Zahlen-Daten-Fakten-Block aufhält (das hätte vermutlich auch den Rahmen und die Aufnahmefähigkeit der Teilnehmer in San Diego gesprengt). Begonnen hat Apple die WWDC-Keynote vielmehr mit einem launigen Video: 

#1 – tvOS: Wenig Neues im TV

Ganz klassisch geht es mit den – sorry tvOS! – unspektakulärsten Aspekten los. Dabei gab es für Fans des AppleTV zwei Botschaften: Erstens gibt es zum jetzigen Zeitpunkt keine wirklichen News zu vermelden, mehr Infos zu tvOS gäbe es dann „later this year“. Zweitens habe man sich mit Amazon darauf einigen können, dass Prime Video künftig auch nativ auf dem AppleTV vertreten sein werde.
Fazit: Dass Amazon dazu kommt ist prima. Der FireTV-Stick-User in mir hakt Punkt #1 der Keynote aber schnell ab.

#2 – watchOS 4: Fehler beseitigt

Das neue Siri-Watchface könnte sich zum echten Mehrwert entwickeln. (Bildrechte: Apple)
Das neue Siri-Watchface könnte sich zum echten Mehrwert entwickeln. (Bildrechte: Apple)

Hier wird es schon spannender. Neben neuen Standard-Ziffernblättern (Kaleidoskop und Toy Story) hat Apple auch ein Siri-Watchface in petto. Der Clou: Die KI versucht orts- und kontextabhängig die nützlichsten Benachrichtigungen zusammenzufassen und aufzubereiten. Von mir seltener genutzt Features wie „Workout“ erhalten zudem sinnvolle Ergänzungen wie aneinander reihbare Workouts, direkten Zugriff auf Apple Music aus laufenden Workouts (ein Wischer nach links bietet direkt Musik-Zugriff) und ein neues Connectivity-Feature für Fitnessgeräte.
Fazit: Diente watchOS 3 dem Beheben der letzten konzeptionellen Fehler am ursprünglichen OS-Design der Apple Watch, beginnt man bei Apple mit Version 4 seines Smartwatch-OS damit, neue und ausgesprochen sinnvolle Funktionen zu implementieren. Vor allem das Siri-Watchface könnte Apples Sprachassistenz endlich einen (über das gewöhnte „Stell mir einen Timer für X-Minuten“ hinausgehende) sinnvollen Einsatzzweck bekommen.

Meine WWDC-Keynote
Mein Meh-Moment: Mal völlig subjektiv: Was ist „High Sierra“ für ein blöder Name? Klar, der Sprung von Sierra zu seinem Nachfolger ist auf den ersten Blick nicht wirklich groß, aber der Name gefällt mir so gar nicht …

Meine Highlights

  • APFS als neues Default-Dateisystem gibt High Sierra einen fast schon biestigen Performance-Boost. Hier freue ich mich schon auf die Beta!
  • Machine Learning über alle Plattformen ist eine hervorragende Idee, Nutzererlebnisse besser zu machen; der Datenschutz-Aspekt wird durch on-device-computing hochgehalten.
  • AR aus München (Metaio) macht iOS11 quasi über Nacht zur größten AR-Plattform der Welt.

Mein Einkaufszettel: Einfache Entscheidung: ein neues 10,5-Zoll iPadPro. Erstmals seit langem fixt mich Apple mal wieder mit einem iPad an (verzichte seit dem iPad 2 auf neue iPads). Warum? Der Formfaktor bleibt, auf dem Screen hat eine Vollformat-Tatstatur Platz und: iOS11 sieht mit seinen neuen Pro-Features (ich sage nur: DOCK!) richtig klasse aus.

#3 – macOS High Sierra: Kleine Sprünge, große Wirkung

Die APFS-Demo zeigte: Da kommt ein ordentlicher Performance-Zuwachs auf uns zu! (Bildrechte: Apple)
Die APFS-Demo zeigte: Da kommt ein ordentlicher Performance-Zuwachs auf uns zu! (Bildrechte: Apple)

Sierra lebt weiter – zumindest ein bisschen. Apple nennt nämlich sein klar auf Maintenance zugeschnittenes neues macOS schlicht „High Sierra“ und suggeriert mit dem Namen schonmal, dass keine Feature-Quzantensprünge zu erwarten sind (aus meiner Sicht auch völlig ok, ein gelungenes Update, das Fehler behebt, aufräumt und Performance verbessert ist mehr als wertvoll). Apples Fokus lag dabei auf Safari, der nicht nur (wie üblich) schneller werden soll, sondern auch Auto-Play-Videos per Default ruhig stellt und Nutzer-Tracking aktiv unterdrückt. Auch Fotos bekommt dank verbesserter maschineller Erkennung und ein paar Optimierungen des UI-Feinschliff spendiert. Das Higjlight ist aber definitiv das neue Standard-Dateisystem Apple File System, kurz APFS genannt. APFS löst mit High Sierra (am Mac, in iOS ist APFS schon seit iOS 10.3 im Dienst) das doch zusehends in die Jahre gekommen HFS+ ab. Mit H.265 und Metal 2 gibts zudem noch etwas Neues für Video-Spezialisten.
Fazit: Wenig spektakulär, etwas gewöhnungsbedürftiger Name. APFS ist aber für mich der Star der Keynote. Craig Federighi führte einen einfachen Kopiervorgang von Videofiles auf der Bühne vor; zuerst mit Sierra, wo der Vorgang seine paar Sekunden brauchte, dann mit High Sierra beinahe ohne Verzögerung. Wow!

#4 – Neue Mac-Hardware: Apple hat die Pros wieder lieb

Echt "badass": Der iMacPro kommt ziemlich bestieg daher. (Bildrechte: Apple)
Echt „badass“: Der iMacPro kommt ziemlich bestieg daher. (Bildrechte: Apple)

Um es kurz zu machen: Apple verbessert seine gesamte Palette an iMacs und MacBookPros hinsichtlich der Austattungsmerkmale CPU (durch die Bank Intel-Core-CPUs der 7. Generation (Kaby Lake)), RAM, SSD, Grafik und beim iMac auch mit Blick auf die Displays. Und auch MacBook und MacBook Air bekommen ihre Spec-Bumps. Das „really badass“-Highlight dürfte aber der iMacPro sein. Dieser Workstation-level-iMac soll fürs Erste den MacPro als Top-Mac ablösen und Profi-Usern endlich aktuelle Mac-Hardware liefern. Dabei sieht der komplett in Spacegrau gehaltene iMac nicht nur biestig aus, sondern kommt auch mit bis zu 18-Kern-Xeon-CPUs, ATI Vega GPUs und einer völlig neu entwickelten Abluftführung. Ab Dezember dürfte es die Kiste dann ab etw 5000 Euro zu kaufen geben.
Fazit: Apple scheint die Pros wieder lieb zu haben. Anders lässt sich dieser starke Pro-Hardware-Fokus nicht deuten. Das MacBookPro kommt nun endlich mit den Specs, die es eigentlich bei seinem Marktstart schon hätte haben sollen (da Intel seine Kaby-Lake-Architektur aber noch nicht fertig hatte, mussten die ersten Modelle ohne aktuelle CPUs auskommen). Der Beigeschmack, denn fest verklebte RAM-Riegel und nicht austauschbare Komponenten haben, bleibt aber.

#5 – iPad in 10,5 Zoll: Es wird wieder spannend

Hier verpasst Apple seinen iPadPro-Modellen ein neues Innenleben (der A10X Fusion hat sechs Kerne, 3 für Power, 3 für Energieeffizienz; der neue Screen hat eine Bildwiederholrate von max. 120 Hertz und wird heller) und streckt den Bildschirm des bisherigen 9,7-Zöllers auf 10,5-Zoll. Was dabei nicht mitwächst: das Gehäuse! Apple schafft es, den Screen und das verbesserte Innenleben im selben Formfaktor unterzubringen, wie ihn zuvor das 9,7-Zoll-Modell hatte.
Fazit: Produktpflege auf hohem Niveau! Während der große Screen des 12,9-Zöllers bleibt, wächst dessen kleiner Bruder und bringt jetzt eine Vollformattastatur unter. Gefällt mir vor allem mit den gleich zusammengefassten Pro-Features von iOS11!

#6 – iOS 11: Aus Eins mach Zwei

Diesem Punkt hat Apple sehr viel Zeit eingeräumt, schließlich ist iOS die größte und wichtigste Plattform des Konzerns. Neben kleineren Verbesserungen (Chatverläufe in Nachrichten werden nun über iCloud synchronisiert; Siri bekommt neue, natürlichere Stimmen und eine Übersetzungsfunktion; Karten bekommt analog zu GoogleMaps Indoor-Karten; Apple Music wird um Nutzerprofile erweitert (diese kann man entweder öffentlich machen oder als privat kennzeichnen); via Apple Pay und Nachrichten lassen sich nun Kleinbeträge per Chat versenden; Fotos werden besser komprimiert und Live-Fotos bearbeitbar) hat Apple auch wichtige größere Anpassungen vorgenommen:

  • Das Kontrollzentrum ist im Zusammenspiel mit Force Touch künftig personalisierbar
  • Machine Learning ist in iOS11 künftig übner die Core-ML-API für Entwickler zugänglich
  • Der App Store bekommt ein umfassendes Redseign mit dedizierten Tabs für Spiele und Apps sowie vollkommen neuen Möglichkeiten App-Seiten im Store zusammenzustellen
  • Augmented Reality wird das nächste große Ding in iOS. Hier kommt die vor knapp zwei Jahren zugekaufte Münchner AR-Firma Metaio und Ihre Technologie ins Spiel. Apple stellt künftig die AR-Power von iOS11 per AR-Kit für Entwickler zur Verfügung
Ein bisschen macOS hat es endlich in die iPad-Version von iOS geschafft. Mehr davon! (Bildrechte: Apple)
Ein bisschen macOS hat es endlich in die iPad-Version von iOS geschafft. Mehr davon! (Bildrechte: Apple)

Die wichtigsten und tiefgreifendsten Neuerungen betreffen aber das Zusammenspiel von iOS11 und dem iPad. Hier hat Apple kräftig an der Produktivitäs-Schraube gedreht und entkoppelt iOS11 für iPhone und iPad de facto voneinander. Am iPad werden Nutzer künftig ein flexibles Dock bekommen, das ähnlich wie unter macOS den schnellen Wechsel zwischen Apps ermöglicht. Hinzu kommt Drag-and-Drop zwischen Apps als weitere Komfortfunktion. Ebenfalls neu: die App Files, die im Grunde den macOS-Finder aufs iPad holt.
Fazit: Mit iOS11 wird aus iOS erstmals ein zweigleisiges System, da die neuen Produktiv-Features für das iPad mit der iPhone-Version von iOS11 nicht mehr allzu viel zu tun haben. Hier zeigt der Kompass tatsächlich eher in Richtung von macOS. Eine – wie ich finde – überfällige Diversifizierung der Plattform. Vermeintliche Kleinigkeiten wie ein konfigurierbares Control Center können jenseits von Apple Marketing-Sprech iOS11 zum bisher besten Release machen! Der neue App Store sieht aber gewöhnungsbedürftig aus.

#7 – HomePod: Das unerwartet erwartete „One last thing“

Der HomePod soll kabellose Musik im Wohnzimmer revolutionieren. Ob das gelingt? (Bildrechte: Apple)
Der HomePod soll kabellose Musik im Wohnzimmer revolutionieren. Ob das gelingt? (Bildrechte: Apple)

Seit langem mal wieder ein „one last thing“, das Apple aus dem Hut zaubert. Gut, wirklich überraschend kommt ein Siri-Lautsprecher jetzt nicht, dafür kann der Teaser (wie der iMacPro kommt der HomePod erst Ende des Jahres in die USA, nach Europa wohl erst 2018) schon zeigen, was Apple vor hat. Der 15cm-Zylinder, der entfernt an den MacPro erinnert, soll als intelligenter 360-Grad-Lautsprecher das beste der Sonos-Lautsprecher (Klangqualität) und Amazons Alexa (Intelligenz) zusammenbringen. Für den Intelligenz-Part soll neben Siri auch der verbaute A8-Chip sorgen, für die Optimierung des Klangs sorgt der HomePod von allein. Denn der Speaker erkennt, wo er im Raum aufgestellt wurde (beispielsweise in einer Ecke) und passt seine Wiedergabe an diese Gegebenheiten an.
Fazit: Idee gut, Design weniger. Am Ende zählt aber der Klang. Und wenn Apple gehobene Klangqualität bieten und Alex in Sachen Smart Device schlagen kann, ist der Preis von 349 US-Dollar durchaus gerechtfertigt. Ob das alles in der Realität funktioniert, muss man allerdings (leider) bis Ende des Jahres abwarten.

Gesamteindruck der WWDC-Eröffnung

Apple mag die Pro-User (doch noch), iOS11 und macOS kommen wie immer mit vielen kleineren und größeren Tweaks und Alexa ist dank HomePod nicht mehr alleine. Alles in allem eine der besseren und spannenderen Keynotes der jüngsten Zeit. Für den weiteren Verlauf des Produktjahres dürfte das allerdings die Spannung rausnehmen, schließlich fehlt „nur noch“ ein neues iPhone.

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Nach einem Studium der Geschichtswissenschaften in München landete er zunächst bei der Gamepro, dann als Volontär bei der Macwelt. Inzwischen betreut er auf inhaltlicher Seite die Veranstaltungen der Computerwoche und sorgt dafür, dass die zugehörigen Websites laufen. Privat bloggt er auf Adams Apfel, sportlich gehört sein Herz nur dem FC Bayern.