Microsoft ist wieder cool

Gerät die Vorstellung von Windows 10 zum Turning-Point für Microsoft? Es sieht fast danach aus.

Es ist schon erstaunlich: In den 2000er-Jahren war Microsoft das Schmuddelkind der Branche. Nach dem Vista-Desaster und jahrelang andauernden Versuchen, den Internet Explorer zu „reparieren“, war der Ruf des Softwareriesen aus Redmond schon etwas ramponiert. Auch wenn in der Ballmer-Ära einige Weichenstellungen wie die erfolgreiche Xbox 360 fielen – so recht erholen wollte sich Microsoft nicht von dieser Phase. Daran könnten auch Windows 8 und 8.1 sowie die ersten Generationen der Surface-Tablets wenig ändern.

Die Innovationen waren im Valley Zuhause. Bei Apple, das mit iPod, iPhone und iPad eingeschlafenen Branchen neues Leben einhauchte oder gleich ganz neue Industriezweige schuf. Und natürlich bei Google, das bei seinen Produktentscheidungen nicht selten etwas konfus wirkt, aber dennoch mit Projekten wie Project Loon (Internet aus der Luft), Robotik-Experimenten oder den modularen Ara-Smartphones revolutionäre Schritte geht. Am Ende dürfte sogar Amazon in der illustren Runde der Technologiepioniere mitspielen.

Kurzum: Die Apples und Googles dieser Welt waren lange Jahre das, was Microsoft nicht war – cool, innovativ, charmant (was natürlich nicht unbedingt für Jeff Bezos gilt …).

Satya Nadella
Microsofts CEO Satya Nadella.

Seit im vergangenen Frühjahr ein gewisser Satya Nadella das größte Softwarehaus der Welt führt, weht dagegen ein neuer Wind. Präsentationen neuer Produkte werden nicht mehr durch Kick-Ass-Ballmer zu viralen YouTube-Witzen, sondern zur Bühne für ein frisch wirkendes, neues Microsoft. Das erste Mal ging es mir so, als Microsoft sein neues Surface Pro 3 vorgestellt hat.

Ich bekam seiner Zeit schnell den Eindruck, dass der Konzern mit dem Produkt nicht mehr nur panisch Markttrends nachläuft, um beispielsweise zu Apple aufzuschließen, sondern sich seit langem erstmals wieder tiefgreifende Gedanken über ein Produkt gemacht hat. Wen wollen wir damit ansprechen? Welche Marktsegmente wollen wir damit angreifen? Herausgekommen ist mit dem Surface Pro 3 ein smartes Ultrabook – nicht ganz Notebook, nicht ganz Tablet – mit intelligenter Architektur und ansprechender Optik.

Einen ähnlichen Eindruck hinterließ Microsoft bei der Vorstellung von Windows 10. Viele smarte Lösungen für das etwas angestaubte Betriebssystem (wie beispielsweise die Universal Apps) sorgen neben Neuerungen wie der integrierten Sprachassisstentin Cortana, Xbox-Streaming oder dem Internet-Explorer-Nachfolger Spartan für ein rundes Windows-Paket.

Als Microsoft dann auch noch die derzeit vielleicht spannendste VR-Lösung, genannt Holo Lense, präsentierte, war klar: man hat in Redmond verstanden, dass Microsoft wieder Leading-Edge, wieder cool werden muss. Für den B2B-Bereich hatte man dann auch noch etwas in Petto: den Surface Hub, einen 84 Zoll großen 4k-Multitouch-Bildschirm, der gerade in Unternehmen Besprechungen effizienter machen soll.

Xbox-Connectivity

Abgesehen vom mittlerweile unverkennbaren Einfluß der Viedeospieleserie Halo auf Microsofts Produktnamen konnte man Gamer, Consumer, Nerds und Business-Kunden ansprechen und bringt mit Windows 10 – sofern die Software bugfrei läuft – das Bindeglied auch noch kostenlos unter die Leute.

Es scheint, als könnte man tatsächlich sagen: Das Imperium schlägt zurück. Nicht mit massivem Marketing, markigen Sprüchen oder Upgrade-Zwang. Nein. Mit erstaunlich smarten, teilweise revolutionären (Holo-Brille) Ideen, die für Consumer und B2B-Kunden gleichermaßen spannend sind.

Aus der Perspektive eines Apple-Kenners und -Schätzers kommt dieses neue Microsoft-Offensive gerade recht, wird doch vielerorts die mittlerweile erlahmende Innovationskraft Apples kritisiert. Denn angesichts der mittlerweile 157-igsten Iteration bekannter Produkte kann starke Konkurrenz das Geschäft nur beleben – gerade, wenn Microsoft die Cross-Plattform-Integration fehlerfreier hinbekommt, als zuletzt Apple mit Handoff zwischen iOS 8 und Yosemite.

Kurzum: Microsoft ist wieder cool.

 

Kategorien Meinung

Nach einem Studium der Geschichtswissenschaften in München landete er zunächst bei der Gamepro, dann als Volontär bei der Macwelt. Inzwischen betreut er auf inhaltlicher Seite die Veranstaltungen der Computerwoche und sorgt dafür, dass die zugehörigen Websites laufen. Privat bloggt er auf Adams Apfel, sportlich gehört sein Herz nur dem FC Bayern.