Chief Design Officer: Neue Rolle für Jony Ive

Apple ohne Sir Jonathan Ive? Kaum vorstellbar, bestimmt der Brite doch seit über einem Jahrzehnt Apples Industriedesign, angefangen beim knutschkugeligen iMac G3, über diverse iPods bis hin zum jüngsten MacBook. Doch was bedeutet Ives neue Position als Chief Design Officer? Etwa einen Abgang auf Raten?

Jonathan Ive gilt als scheu und wenig mitteilsam. Meist sieht und hört man den vielleicht wichtigsten Industriedesigner unserer Zeit lediglich zwei bis drei mal im Jahr im Rahmen von Apple-Keynotes vor weißem Hintergrund das Design neuer Produkte und neuer Software erklären. Nur in absoluten Ausnahmen sind Interviews von und mit dem Mann zu lesen, der 2011 von Königin Elisabeth II. zum Ritter geschlagen wurde. Eine solche Ausnahme bildet Ives jüngster Termin mit dem britischen Schauspieler und Autoren Stephen Fry. Der Text, den Fry daraus für den Telegraph machte (hier geht es zum Originalartikel, unbedingt lesen!) ist nicht nur ausgesprochen lesenswert, sondern enthüllt auch eine gravierende Umstrukturierung in Apples Führungsriege.

 

Wie der Titel „When Stephen Fry met Jony Ive: the self-confessed tech geek talks to Apple’s newly promoted chief design officer“ schon suggeriert, tritt Ive ab dem 1. Juli eine eigens für Ihn geschaffene neue Position bei Apple an, nämlich die des Chief Design Officers (CDO). Für Ive heißt das nicht nur ein neues Label, sondern auch ein verändertes Aufgabengebiet. Statt wie bisher alleine für sämtliche Design-Aspekte (auch die des Tagesgeschäfts) zuständig zu sein, tritt Ive diese Verantwortungsbereiche an die beiden neuen SVP’s Richard Howarth (Vice president of Industrial Design) und Alan Dye (Vice president of User Interface Design) ab. Tim Cook kommunizierte diese Veränderungg an Apples Mitarbeiter mit einem Memo (Quelle: Macrumors):

Tim Cooks Mitarbeiter Memo

Exec-jony-ive„Team, 

I have exciting news to share with you today. I am happy to announce that Jony Ive is being promoted to the newly created position of Chief Design Officer at Apple. Jony is one of the most talented and accomplished designers of his generation, with an astonishing 5000 design and utility patents to his name. His new role is a reflection of the scope of work he has been doing at Apple for some time. Jony’s design responsibilities have expanded from hardware and, more recently, software UI to the look and feel of Apple retail stores, our new campus in Cupertino, product packaging and many other parts of our company.

Design is one of the most important ways we communicate with our customers, and our reputation for world-class design differentiates Apple from every other company in the world. As Chief Design Officer, Jony will remain responsible for all of our design, focusing entirely on current design projects, new ideas and future initiatives. On July 1, he will hand off his day-to-day managerial responsibilities of ID and UI to Richard Howarth, our new vice president of Industrial Design, and Alan Dye, our new vice president of User Interface Design. 

Richard, Alan and Jony have been working together as colleagues and friends for many years. Richard has been a member of the Design team for two decades, and in that time he has been a key contributor to the design of each generation of iPhone, Mac, and practically every other Apple product. Alan started at Apple nine years ago on the Marcom team, and helped Jony build the UI team which collaborated with ID, Software Engineering and countless other groups on groundbreaking projects like iOS 7, iOS 8 and Apple Watch. Please join me in congratulating these three exceptionally talented designers on their new roles at Apple. 

Tim“

Der neue Aufgabenschwerpunkt, der nach wie vor das „letzte Wort“ bei allen Design-Entscheidungen beinhaltet, liegt damit weniger auf dem operativen Management der Design-Teams, sondern mehr auf dem großen Ganzen, Apples übergreifender Designphilosophie. Im Fokus sollen dabei auch die Innenausstattung des neuen Spaceship-Campus und der weltweit über 200 Apple Stores stehen.

„When I catch up with Ive alone, I ask him why he has seemingly relinquished the two departments that had been so successfully under his control. “Well, I’m still in charge of both,” he says, “I am called Chief Design Officer. Having Alan and Richard in place frees me up from some of the administrative and management work which isn’t … which isn’t …” “Which isn’t what you were put on this planet to do?” “Exactly. Those two are as good as it gets. Richard was lead on the iPhone from the start. He saw it all the way through from prototypes to the first model we released. Alan has a genius for human interface design. So much of the Apple Watch’s operating system came from him. With those two in place I can …” I could feel him avoiding the phrase “blue sky thinking”… think more freely?” “Yes!” Jony will travel more, he told me. Among other things, he will bring his energies to bear – as he has already since their inception – on the Apple Stores that are proliferating around the world. The company’s retail spaces have been one of their most extraordinary successes.“

Im Gespräch mit Fry verkauft Ive seine neue Position in erster Linie als persönliche Befreiungsmaßnahme, als Chance, wieder mehr Zeit für Kreativität zu bekommen.

Applestore_RosenstrasseIves sanfter Ausstieg bei Apple?

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung lässt Raum für Spekulationen. Während hierzulande das Wochenende wegen des Pfingstfestes ein Langes war, feierten auch die Amerikaner ein Wochenende mit Feiertag (Memorial Day) – die Börsen blieben also geschlossen. Keine Chance für unmittelbare Beeinflussung des Börsenkurses von Apple. Seth Weintraub spekuliert angesichts des Termins der Beförderung zum ersten Tag des zweiten Halbjahres am 1. Juli 2015 sogar, dass diese Veränderung sorgsam und langfristig vorbereitet wurde. Auch der Ausspielkanal der Information, Ives Freund Stephen Fry, spricht dafür, dass die Beförderung lange geplant und die Kommunikation der Veränderung unter Apples Kontrolle stattfinden sollte.

Verlässt Jony Ive also Apple auf Sicht? Ich glaube ehrlich gesagt nicht daran, dass Apple sein Design-Mastermind mit über 5000 angemeldeten Patenten (Edison hatte im Vergleich „nur“ 2332) einfach so ziehen lässt. Die neue Position, verbunden mit größeren Freiheiten und weniger bürokratischen Zwängen könnte dem Innovationsprozess in Cupertino sehr gut tun. Und Ive selbst? Er könnte mehr Zeit in seiner britischen Heimat verbringen, wolle er doch mehr reisen und auch an Apples Store-Konzept arbeiten. Die Agentur Foster and Partners, die für den Campus II und auch die Apple Stores zuständig ist, hat schließlich ihren Hauptsitz in – London.

 

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Nach einem Studium der Geschichtswissenschaften in München landete er zunächst bei der Gamepro, dann als Volontär bei der Macwelt. Inzwischen betreut er auf inhaltlicher Seite die Veranstaltungen der Computerwoche und sorgt dafür, dass die zugehörigen Websites laufen. Privat bloggt er auf Adams Apfel, sportlich gehört sein Herz nur dem FC Bayern.