Apple Watch: Die Keynote mit den zwei Gesichtern

Hohe Erwar­tun­gen an Apple sind bei­lei­be nichts Neu­es. Ein Kon­zern, der mit Inno­va­ti­ven Pro­duk­ten gan­ze Märk­te umkrem­pelt und neue Pro­dukt­ka­te­go­ri­en „erfin­det“ wird eigent­lich immer an den größt­mög­li­chen Erwar­tun­gen gemes­sen. Und da ist heu­te bei der fina­len Prä­sen­ta­ti­on der Apple Watch etwas schief gelaufen.

Das schöne Gesicht: Ingenieurs-Perfektion in Laptop-Form

Eigent­lich fing die Key­note gut an. Nach den übli­chen Jubel­bil­dern aus neu eröff­ne­ten Apple Stores, hier dem kürz­lich im Blog vor­ge­stell­ten Store in Hang­zhou, ging App­les CEO Tim Cook über­ra­schend aus­führ­lich auf den Mac ein. Im Fokus: Ein ziem­lich beein­dru­cken­des neu­es Mac­book – das natür­lich dem jüngs­ten Apple-Trend „Schlan­ker und Leich­ter“ folgt. Her­aus­ge­kom­men ist das mit Abstand sexies­te Ultra­book der jüngs­ten Zeit. Die Inge­nieur­leis­tung hin­ter dem Book und sei­ner Kom­po­nen­ten ist ohne Wenn und Aber auf der Höhe der Zeit.

Fast schon unglaub­lich schlan­ke Abmes­sun­gen und eine Gewichts­re­duk­ti­on gegen­über dem 11-Zoll-Mac­book Air sor­gen da schon bei den ers­ten Bil­dern für ein Lächeln auf den Lip­pen Tech-Geeks. Bei einer Dis­play­grö­ße von 12 Zoll und einer Auf­lö­sung von 2304 x 1440 Pixeln bei 226 ppi wiegt das Mac­book gera­de mal 920 Gramm. Als die Spra­che auf das Innen­le­ben des neu­en Mac­book kam, wur­de das Grin­sen brei­ter: Lüf­t­er­lo­ses Logic­board, Akkus in Ter­as­sen­form, um den ohne­hin knap­pen Raum im Inne­ren noch bes­ser aus­zu­fül­len, neue Ein­ga­be­tech­ni­ken. Gera­de letz­te­re könn­ten das mobi­le Arbei­ten noch ange­neh­mer machen.

USB-C-Digital-AV-Multiport-AdapterDas neue Force­Touch-Track­pad bei­spiels­wei­se macht sich Tech­no­lo­gie aus der Apple Watch zunut­ze und bie­tet über die gesam­te Flä­che ein Klick­ge­fühl. Neu ist auch die ein­ge­setz­te Key­board-Tech­no­lo­gie, die Apple But­ter­fly nennt. Die Tas­ten haben künf­tig einen sehr kur­zen Weg, bie­ten aber über die gesam­te Grö­ße der Tas­ten ein ein­heit­li­ches Gefühl und Wider­stand. Ein Opfer for­dert das ultra­leich­te Design aller­dings: Schnitt­stel­len. Das neue Mac­book ver­fügt über deren Zwei: einen 3,5mm-Headphone-Jack und einen Typ-C-USB-Port.

Um künf­tig mit diver­sen USB- oder Thun­der­bolt-Zube­hör­ge­rä­ten han­tie­ren zu kön­nen, braucht es eine klei­ne Adap­ter-Arma­da. Apple bie­tet bei­spiels­wei­se einen Port­re­pli­ka­tor (USB-C-Digi­tal-AV-Mul­ti­port-Adap­ter) für schlan­ke 89 Euro an, der die Typ-C-Schnitt­stel­le durch­schleift und je eine HDMI- und USB-Schnitt­stel­le bie­tet. Thun­der­bolt spielt bei App­les Über­le­gun­gen offen­sicht­lich kei­ne Rol­le mehr. Eine gelun­ge­ne Zusam­men­fas­sung der wich­tigs­ten Neue­run­gen rund um das neue Mac­book hat Chris Möl­ler zusam­men­ge­stellt. Dass dann auch noch Tei­le der rest­li­chen Mac­book-Palet­te Speed­bumps spen­diert bekom­men und das App­leTV bil­li­ger wird, nimmt man ger­ne mit.

Die fade Fratze: Eine Smartwatch unter vielen

Regel­recht scho­ckiert bin ich aber von der Prä­sen­ta­ti­on der Apple Watch, dem nach eige­ner Aus­sa­ge per­sön­lichs­ten Pro­dukt, das Apple je gemacht hat. Klar, Ives Desi­gnab­tei­lung hat sich beim Indus­trie­de­sign wie­der über die Maßen selbst über­trof­fen und ja, die ver­schie­de­nen Arm­bän­der wir­ken bis ins Detail durch­dacht und aus­ge­spro­chen hoch­wer­tig. Aber irgend­wie wirk­te der Auf­tritt Cooks unin­spi­riert und fast so, als habe man des Dreh­buch für die Key­note noch­mal kurz­fris­tig ändern müs­sen – ich hat­te bei den Demos, die man zum gro­ßen Teil bereits vor einem hal­ben Jahr gese­hen hat das Gefühl, als wür­de etwas fehlen.

1249 Euro. Punkt. Dafuq?
1249 Euro. (Bild­rech­te: Apple)

Mit Blick auf die Preis­ge­stal­tung muss ich mich außer­dem fra­gen: Geht’s noch? Haben die den Arsch offen? Ent­schul­digt die Wort­wahl, aber dem geneig­ten Kun­den die Preis­ge­stal­tung plau­si­bel zu machen, dürf­te selbst für App­les gut geschul­tes Ver­kaufs­per­so­nal schwie­rig wer­den. Wir spre­chen beim Blick auf die Prei­se für Arm­bän­der von Preis­sprün­gen, die meh­re hun­dert Euro aus­ma­chen kön­nen – der Spit­zen­wert liegt bei etwa 3000 Euro für das rote Leder­arm­band der Apple Watch Edi­ti­on. Ein ein­zel­nes Edel­stahl-Glie­der­arm­band in 42mm Brei­te kos­tet allei­ne sagen­haf­te 499 Euro.

Wenn ich mir das Pri­cing für „mein“ Wunsch­mo­dell, eine Apple Watch aus Edel­stahl mit Glie­der­arm­band anschaue und mir dann über­le­ge, das dafür schon mal ein statt­li­ches Mac­book oder ein voll­aus­ge­stat­te­tes iPad über die Laden­the­ke wan­dert, hört mein Ver­ständ­nis auf. Ich habe das Event gemein­sam mit mei­nen Mac­welt-Kol­le­gen ver­folgt und durf­te nach der Prä­sen­ta­ti­on fast aus­nahms­los in fra­gen­de Gesich­ter bli­cken. Wäre im ers­ten Teil der Ver­an­stal­tung nicht mit dem neu­en Mac­book etwas wirk­lich span­nen­des pas­siert, die Ver­an­stal­tung hät­te das Zeug zum tota­len Fias­ko gehabt. Im Ernst: Was haben sich App­les Pro­dukt­ent­schei­der bei die­ser Staf­fe­lung gedacht (außer eine Opti­mie­rung der Pro­fit­mar­ge)? Viel kann es jeden­falls nicht gewe­sen sein.

Apple Watch: Für wen? Und warum?

Außer­dem darf man sich die Fra­ge stel­len, für wen die Apple Watch in Ihren Modell­rei­e­hen eigent­lich gedacht sein soll. Klar: 10–18k Uhren Zie­len nicht auf nor­mal­ver­die­nen­de Anwen­der ab, inso­fern darf die Apple Watch Edi­ti­on dann mit den Breit­lings und Rolexs‘ die­ser Welt um die Hand­ge­len­ke preis­un­sen­si­bler Uhren­le­in­ha­ber kon­kur­rie­ren. Gera­de in den USA dürf­te der Fit­ness-Aspekt (gepaart mit dem güns­tigs­ten Preis­ein­steig aller Model­le) der Sport-Ver­si­on veri­ta­ble Ver­kaufs­zah­len besche­ren – wenn­gleich die Not­wen­dig­keit, dass ein iPho­ne für genau­es Tracking der Lauf­rou­te in der Nähe sein muss, in der Pra­xis für Nach­tei­le sor­gen könn­te. Wer hin­ge­gen ein klas­si­sches Design und das sta­bi­le­re Stahl-Saphir­glas-Gespann der Apple Watch bevor­zugt, muss deut­lich tie­fer in die Tasche grei­fen. Dafür erhält man dann eine busi­ness­taug­li­che Smart­watch, die im Gegen­satz zu den Sport-Model­len mit den Plas­tik-Arm­bän­dern auch zum Anzu getra­gen wer­den kann. Ob das aller­dings genügt, um die auf­ge­ru­fe­nen Prei­se zu rechtfertigen …

Auch nett: Armbänder für 500 Euro.
Auch nett: Arm­bän­der für 500 Euro. (Bild­rech­te: Apple)

Abge­se­hen von weni­gen prak­ti­schen Sze­na­ri­en wie bei­spiels­wei­se der schnel­len Bezah­lung via App­le­Pay oder einem Watch-Che­ckin am Flug­ha­fen stellt sich auch die Fra­ge nach dem prak­ti­schen Nut­zen. Nicht auf jede Nach­richt lässt sich mit einem Emo­ji sinn­voll arbei­ten, nicht immer kann man frei spre­chen, um Siri die Ant­wort zu dik­tie­ren. War­um soll­te man sei­ne Insta­gram-Fotos auf der Uhr und nicht auf dem iPho­ne durch­schau­en? Apple hat nur gezeigt, dass die­se Inter­ak­tio­nen mög­lich sind, aber nicht, war­um mir das Leben dadurch erleich­tert wird. Aber Hey, immer­hin kann man sei­nen Herz­schlag an sei­ne Freun­din schicken.

Einschätzung: Am Handgelenk nichts Neues

Apple hat es ges­tern nicht geschafft, mir in ein­fa­chen Wor­ten klar­zu­ma­chen, was die Apple Watch sein will und wel­che Rol­le sie in mei­nem Nut­zungs­sze­na­rio spie­len könn­te (Stich­wort Mehr­wert). Und des­we­gen wer­de ich mir – der ich ja aus­ge­spro­chen Apple-affin bin – ange­sichts die­ses Wahn­sinns kei­ne Apple Watch ans Hand­ge­lenk bin­den. So ger­ne ich die­ses schi­cke Gad­get auch nut­zen wür­de. Aber für ein Pro­dukt, dass wie vie­le ande­re Tech-Gad­gets nach 12 Mona­ten zum alten Eisen gehört, bezah­le ich kei­ne 1250 Euro. Die gehen dann eher für sowas hier drauf:

Echte Uhr
(Bild­rech­te: selbst erstell­ter Screenshot)

 

Kategorien Beitrag Meinung

Nach einem Studium der Geschichtswissenschaften in München landete er zunächst bei der Gamepro, dann als Volontär bei der Macwelt. Inzwischen betreut er auf inhaltlicher Seite die Veranstaltungen der Computerwoche und sorgt dafür, dass die zugehörigen Websites laufen. Privat bloggt er auf Adams Apfel, sportlich gehört sein Herz nur dem FC Bayern.