Amazon Echo, oder: Star Trek fürs Wohnzimmer

Ama­zon hat sei­nen neu­en Blue­tooth-Laut­spre­cher Echo vor­ge­stellt und bie­tet mit der Röh­re gleich noch eine Sprach­steue­rung á la Siri fürs Wohn­zim­mer an. Die Fra­ge: Will man wirk­lich einen rund-um-die-Uhr-Lau­scher daheim haben?

„Hel­lo, Com­pu­ter?“ Der ers­te Gedan­ke, der mir im Kon­text von Ama­zon neu­es­tem Hard­ware-Streich, genannt „Echo“, durch den Kopf ging, war eine Sze­ne aus Star Trek IV: The Voya­ge Home:

Mal ganz davon abge­se­hen, dass Scot­ty in die­ser Sze­ne sein wit­zi­ges Pläusch­chen aus­ge­rech­net mit einem Mac­in­tosh hält (der ja wie wir seit sei­ner Prä­sen­ta­ti­on anno 1986 wis­sen durch­aus sprach­be­gabt war), wird ein wesent­li­cher Bestand­teil von Gene Rod­den­ber­rys Com­pu­ter-Fik­ti­on deut­lich: Die Inter­ak­ti­on mit Com­pu­tern fin­det im 23. und 24. Jahr­hun­dert von Star Trek zu gro­ßen Tei­len ohne direk­ten phy­si­schen Kon­takt zum Com­pu­ter statt. Im Gegen­teil: Man sagt dem Schiff­s­com­pu­ter, was man möch­te. Egal ob Picard mal wie­der eine Epi­so­de sei­ner Dixon-Hill-Kurz­ge­schich­ten im Holo­deck nach­spielt, ein Besu­cher auf der Enter­pri­se den Weg nach Ten For­ward wis­sen will oder man dem Tur­bo­lift sagt, dass man zum Maschi­nen­raum gebracht wer­den möch­te: Ohne Sprach­kom­man­dos geht gar nichts. Sogar das Essen am Repli­ka­tor ordert man per Sprach­ein­ga­be. Das könn­te in unse­ren Wohn­zim­mer in Bäl­de Ama­zons Always-On-Lau­scher erle­di­gen, bei­spiels­wei­se für eine Pizzabestellung.

Die Bezos-Com­pa­ny will näm­lich mit Echo, sei­nem neu­en Blue­tooth-Laut­spre­cher mit ein­ge­bau­ten Mikro­fo­nen, die von Siri (Apple) oder Cor­ta­na (Micro­soft) bekann­te Sprach­steue­rung ins Wohn­zim­mer brin­gen – und die­se gleich­zei­tig von Hand­sets wie Smart­pho­nes los­lö­sen. Dafür setzt Echo auf eine Anord­nung von sie­ben Mikro­fo­nen, die unter dem schi­cken Licht­ring (der als Sta­tus­an­zei­ge dient) ange­ord­net sind.Echo_01

Spricht man das Wake-Word, also die Phra­se mit der man Echo eine Sprach­ein­ga­be signa­li­siert (im Moment sind nur wie im Video „Ale­xa“ oder „Ama­zon“ mög­lich, „Com­pu­ter“ funk­tio­niert offen­bar nicht), blinkt der Licht­ring auf und die Mikro­fo­ne war­ten auf ein Sprach­kom­man­do. Dabei ist es wie im Video oben mög­lich, Echo einen Ein­kaufs­zet­tel zu dik­tie­ren, Musik abzu­spie­len oder ein­fach im Inter­net nach Wiki­pe­dia-Ein­trä­gen zu suchen – im End­ef­fekt macht Echo also genau das, was auch Siri, Cor­ti­na oder „Hey, Goog­le“ schon heu­te von jedem Smart­pho­ne aus können.

Dafür nutzt der Netz­werklaut­spre­cher Con­nec­tivi­ty über Wifi und Blue­tooth. Das „Gehirn“ von Ama­zon Echo, so schreibt es Ama­zon auf der Pro­dukt­sei­te, ist dabei die Cloud. Denn Ama­zon hos­tet alle Echo-bezo­ge­nen Daten und Ser­vices bei den haus­ei­ge­nen Ama­zon Web Ser­vices, also enorm leis­tungs­star­ken und ska­lier­ba­ren Cloud-Infra­struk­tu­ren. Damit soll sicher­ge­stellt wer­den, dass Echo mit jeder Benut­zung dazu lernt und sei­ne Erken­nung (Stich­wort „Dia­lek­te“) ver­bes­sert. Durch die Nut­zung der AWS-Kapa­zi­tä­ten im Backend ist gleich­zei­tig sicher­ge­stellt, dass nicht für jedes Update gleich neue Hard­ware nötig ist, da Ama­zon neue Fea­tures schlicht und ein­fach über das Backend zur Ver­fü­gung stel­len kann.

Des Trekkers Traum ist des Datenschützers Nemesis

Für mich als tech­nik- und gad­get­af­fi­nen Trek­ker hat ein smar­tes Device wie Echo einen Charme der so groß ist, wie Worfs klin­go­ni­sche Stirn­wulst. Bei aller kind­li­chen Begeis­te­rung für inno­va­ti­ve Tech­no­lo­gi­en darf man aber auf der ande­ren Sei­te auch ganz vul­ka­nisch die Braue hoch­zie­hen und voll­kom­men berech­tig­te Fra­gen nach dem Schutz der per­sön­li­chen  Daten und der Pri­vat­sphä­re stel­len. Denn beim Gedan­ken an einen always-on-Device wie Echo kann einem das kal­te Schau­dern kom­men. Micro­soft bei­spiels­wei­se durf­te bei der Vor­stel­lung sei­ner Xbox One, die bekann­ter Maßen zu Beginn immer online sein muss­te und nicht ohne eine ver­bun­de­ne Kinect-Kame­ra funk­tio­nier­te erfah­ren, dass poten­ti­el­le Kun­den auf der­lei Bevor­mun­dung mit­un­ter all­er­gisch reagie­ren – und schlicht zum Pro­dukt des Kon­kur­ren­ten Sony griffen.

Auf der Web­site der Süd­deut­schen Zei­tung fin­det sich imEin­stieg zu einem Arti­kel über Ama­zons Echo die­se Passage:

Die Gebrauchs­an­wei­sung für Ama­zons neu­es Pro­dukt hat in ihrer deut­schen Aus­ga­be 351 Sei­ten und erzählt neben­bei noch die Geschich­te einer tota­li­tä­ren Dik­ta­tur. Es ist das Buch „1984″ von Geor­ge Orwell – und das wich­tigs­te Instru­ment in die­ser Dys­to­pie ist der Tele­vi­sor, der bei allen Bür­gern zu Hau­se fest instal­liert ist. Er hört alles, kann spre­chen und dient auch als Fernseher.

Zuge­ge­ben: Die Refe­renz auf den lite­ra­ri­schen Pro­to­ty­pen der Dys­to­pie, Orwells „Nine­teen-Four­ty­eight“, mag zunächst über­trie­ben klin­gen. Die Fra­ge nach dem Wis­sens­durst des Lau­schers muss sich Ama­zon aller­dings gefal­len las­sen – und vor allem den berech­tig­ten Sor­gen poten­ti­el­ler Käu­fer mit der größt­mög­li­chen Trans­pa­renz begeg­nen. Dabei wird es mei­nes Erach­tens nach nicht aus­rei­chen, ein „Die Pri­vat­sphä­re unse­rer Kun­den ist für Ama­zon von größ­ter Wichtigkeit“-Statement zu ver­öf­fent­li­chen. Wenn die Akzep­tanz sol­cher Devices stei­gen soll, muss Ama­zon von vorn­her­ein offen legen, wann das Gerät wel­che Infor­ma­tio­nen mit den Ser­vern abgleicht und sicher­stel­len, dass die Mikros auch tat­säch­lich nur dann auf­zeich­nen, wenn der Nut­zer das Wake-Word spricht.

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Unge­ach­tet der vor­han­de­nen Beden­ken könn­te Echo aber trotz­dem einen bedeu­ten­den Schritt in Rich­tung eines Trek-ähn­li­chen, sprach­ge­steu­er­ten Com­pu­tings dar­stel­len. Wer mehr wis­sen will, soll­te sich auf Ama­zons Son­der­sei­te zu Echo umse­hen oder alter­na­tiv einen Blick in die FAQ’s wer­fen. Kau­fen kann man Ama­zon Echo der­zeit nur mit einem Invi­te und nur inner­halb der USA. Wenn das Gerät auch hier­zu­lan­de erhält­lich ist, wer­de ich es mir defi­ni­tiv genau­er anse­hen. Da siegt näm­lich das Spiel­kind über die Daten­schutz-Ver­nunft. In die­sem Sin­ne noch eine klei­ne You­tube-Par­odie des oben ein­ge­bun­de­nen Echo-Vide­os von Amazon:

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Nach einem Studium der Geschichtswissenschaften in München landete er zunächst bei der Gamepro, dann als Volontär bei der Macwelt. Inzwischen betreut er auf inhaltlicher Seite die Veranstaltungen der Computerwoche und sorgt dafür, dass die zugehörigen Websites laufen. Privat bloggt er auf Adams Apfel, sportlich gehört sein Herz nur dem FC Bayern.